Bass, Mitten und Höhen am Gitarrenverstärker: 3-Band-EQ einfach erklärt

Gain und Volume bestimmen, wie stark ein Gitarrenverstärker verzerrt und wie laut das Signal weitergegeben wird. Danach kommt meist die 3-Band-Klangregelung ins Spiel: Bass, Middle und Treble – auf Deutsch also Bässe, Mitten und Höhen.

3-Band-EQ an einem Marshall JVM410H

Auf den ersten Blick wirkt das einfach. Zu wenig Bass? Bassregler aufdrehen. Der Sound ist zu dunkel? Mehr Höhen. Die Gitarre klingt nasal? Mitten reduzieren.

Ganz so eindeutig arbeitet die 3-Band-Klangregelung eines Gitarrenverstärkers allerdings nicht. Die Regler beeinflussen breite, überlappende Frequenzbereiche und wirken häufig auch aufeinander. Außerdem ist nicht festgelegt, welche Frequenzen ein Hersteller unter „Bass“, „Middle“ oder „Treble“ versteht.

Inhaltsverzeichnis

Was macht die 3-Band-Klangregelung?

Warum zwölf Uhr nicht automatisch neutral ist

Warum jeder Verstärker anders reagiert

So stellst du Bass, Mitten und Höhen sinnvoll ein

Fazit: drei Regler, aber kein genormtes System

Was macht die 3-Band-Klangregelung?

Der 3-Band-EQ formt den Grundcharakter des Gitarrensounds. Er arbeitet normalerweise mit drei groben Bereichen: Bass, Middle und Treble. Zur Veranschaulichung hören wir uns direkt ein paar Beispiele an, die ich mit der Blackstar St. James Suite eingespielt habe.

Bass beeinflusst das Fundament und die tiefen Frequenzen. Mehr Bass lässt den Sound voller und mächtiger wirken. Zu viel davon kann die Gitarre allerdings schwammig machen. Besonders bei verzerrten Sounds verlieren schnelle Anschläge und tiefe Saiten dann an Klarheit

Referenzbeispiel: alle Regler in Mittelposition (Stufe 5/10)

Beispiel 1: Bass sehr niedrig 1,5/10. Middle 5/10. Treble 5/10

Beispiel 2: Bass sehr hoch 8,5/10. Middle 5/10. Treble 5/10

Middle verändert den Bereich, in dem ein großer Teil des eigentlichen Gitarrencharakters liegt. Mitten sorgen dafür, dass sich eine Gitarre im Zusammenspiel mit Bass, Schlagzeug und anderen Instrumenten durchsetzt. Werden sie stark abgesenkt, klingt die Gitarre allein oft groß und modern, im kompletten Mix kann sie jedoch erstaunlich schnell verschwinden.

Referenzbeispiel:

Beispiel 3: Middle sehr niedrig 1,5/10. Bass 5/10. Treble 5/10.

Beispiel 4: Middle sehr hoch 8,5/10. Bass 5/10. Treble 5/10.

Treble beeinflusst Helligkeit, Attack und die Wahrnehmung des Anschlags. Mehr Höhen können einen dumpfen Sound öffnen. Zu viel Treble macht ihn dagegen scharf, dünn oder anstrengend.

Referenzbeispiel:

Beispiel 5: Treble sehr niedrig 1,5/10. Bass 5/10. Middle 5/10

Beispiel 6: Treble sehr hoch 8,5/10. Bass 5/10. Middle 5/10

Diese drei Bereiche besitzen keine klaren Grenzen. Der Bassregler endet nicht an einer bestimmten Frequenz, an der anschließend der Mittenregler übernimmt. Die Übergänge sind breit und überlappen sich.

Warum zwölf Uhr nicht automatisch neutral ist

Bei einem Equalizer in einer DAW bedeutet die Mittelstellung eines Reglers häufig, dass nichts angehoben und nichts abgesenkt wird. Bei einem klassischen Gitarrenverstärker ist das nicht zwingend so.

Viele Verstärker verwenden eine passive Klangregelung. Vereinfacht gesagt kann sie Frequenzen vor allem abschwächen, während der Verstärker den dabei entstehenden Pegelverlust an anderer Stelle wieder ausgleicht. Die Stellung auf zwölf Uhr ist deshalb keine garantierte Neutralstellung, sondern lediglich eine brauchbare Ausgangsposition.

Hinzu kommt, dass Bass, Middle und Treble häufig als gemeinsames Netzwerk arbeiten. Drehst du einen Regler, verändert sich dadurch auch die Wirkung der anderen. Mehr Höhen können beispielsweise dazu führen, dass der Bass weniger dominant wahrgenommen wird. Eine Änderung am Mittenregler kann wiederum den gesamten Charakter des Sounds verschieben.

Deshalb ist es sinnvoll, immer nur einen Regler zu verändern und anschließend erneut zu hören, was tatsächlich passiert.

Warum jeder Verstärker anders reagiert

Die Begriffe Bass, Middle und Treble sind nicht genormt. Ein Mittenregler bei einem Marshall muss also nicht denselben Frequenzbereich bearbeiten wie ein Mittenregler bei einem Fender, ENGL oder Orange.

Sogar zwei Verstärker desselben Herstellers können unterschiedlich reagieren. Entscheidend sind das konkrete Modell, der Kanal, der gewählte Modus und die Position der Klangregelung im Signalweg.

Bei Marshall gehört die interaktive 3-Band-Klangregelung zum typischen Aufbau vieler Modelle. Ihre Wirkung hängt jedoch stark vom jeweiligen Kanal und dessen Grundabstimmung ab. Gerade bei mehrkanaligen Verstärkern wie dem JVM kann dieselbe Reglerstellung in zwei Kanälen deutlich unterschiedlich klingen.

Auch Fender besitzt nicht den einen, allgemeingültigen Fender-EQ. Tweed-, Blackface-, Silverface- und Bassman-inspirierte Schaltungen sind unterschiedlich abgestimmt. Manche Fender-Verstärker verwenden sogar innerhalb desselben Geräts verschiedene Tone-Stacks für unterschiedliche Kanäle.

Der klassische Vox AC30 zeigt besonders gut, warum eine allgemeine Regel schwierig ist. Sein Top-Boost-Kanal besitzt Bass und Treble, aber keinen eigenen Mittenregler. Die Mitten ergeben sich indirekt aus dem Zusammenspiel der beiden vorhandenen Regler. Taucht bei einer digitalen AC30-Simulation zusätzlich ein Middle-Regler auf, ist dieser häufig eine moderne Erweiterung und kein Bestandteil des historischen Originals.

ENGL arbeitet bei einigen Modellen mit zusätzlichen Contour-Schaltungen oder unterschiedlich abgestimmten Mittenreglern. Beim Savage II beeinflusst die Contour-Funktion beispielsweise vor allem Bereiche zwischen ungefähr 300 und 700 Hz sowie zwischen 1,5 und 3 kHz. Diese Werte gelten jedoch für diese Zusatzfunktion und nicht allgemein für jeden ENGL-EQ.

Bei Mesa/Boogie liegt die normale Klangregelung bei vielen Mark-Verstärkern relativ früh im Signalweg. Dadurch beeinflusst sie nicht nur den fertigen Klang, sondern auch, wie die nachfolgenden Verstärkerstufen reagieren und verzerren. Bass, Middle und Treble verändern dort also teilweise schon das Verhalten der Verzerrung.

Zusätzlich besitzen einige Mesa/Boogie-Modelle einen grafischen 5-Band-EQ mit festen Frequenzen bei 80, 240, 750, 2.200 und 6.600 Hz. Dieser ersetzt die normale 3-Band-Klangregelung nicht. Er arbeitet als eigenständige zweite Klangformung an einer anderen Stelle im Signalweg.

Bei Orange variiert die Ausstattung sogar zwischen den Kanälen. Manche Modelle besitzen einen vollständigen 3-Band-EQ, andere nur Bass und Treble. Einzelne Kanäle kommen bewusst ganz ohne Klangregelung aus und verlassen sich auf den Grundklang der Schaltung.

So stellst du Bass, Mitten und Höhen sinnvoll ein

Beginne mit allen Reglern in einer mittleren Position. Diese Einstellung ist nicht unbedingt neutral, bietet aber einen übersichtlichen Startpunkt.

Stelle zuerst Gain und Verzerrungsgrad ein. Danach formst du den Klang mit Bass, Middle und Treble. Verändere immer nur einen Regler und höre nicht nur auf die Lautstärke, sondern auf die tatsächliche Klangveränderung.

Zu viel Bass macht verzerrte Gitarren schnell unpräzise. Wenig Mitten können alleine gespielt beeindruckend klingen, im Bandkontext aber an Durchsetzungskraft verlieren. Zu viele Höhen erzeugen zwar zunächst mehr Klarheit, können jedoch bei längerer Hörzeit unangenehm werden.

Beurteile den Sound außerdem möglichst im musikalischen Zusammenhang. Eine Gitarre muss allein nicht riesig klingen, wenn sie später mit Bass und Schlagzeug zusammenspielt. Häufig entsteht ein guter Gesamtmix gerade dadurch, dass jedes Instrument seinen eigenen Platz bekommt.

Allein groß, im Bandmix verschwunden

Ein Gitarrensound wird häufig eingestellt, während die Gitarre allein zu hören ist. Dabei wirkt ein sogenannter Mid-Scoop zunächst besonders beeindruckend: Weniger Mitten lassen die tiefen Frequenzen mächtiger und die Höhen brillanter erscheinen. Der Sound klingt breit, modern und aufgeräumt. Sobald Bass, Schlagzeug und weitere Instrumente dazukommen, kann sich dieser Eindruck jedoch vollständig verändern.

Im Bandmix sind die tiefen Frequenzen bereits durch Bass und Bassdrum besetzt. Becken und andere Instrumente liefern gleichzeitig reichlich Höhen. Genau dort konkurriert die Gitarre nun mit dem restlichen Arrangement. Wurden zusätzlich ihre Mitten stark abgesenkt, verliert sie den Frequenzbereich, in dem sie sich am deutlichsten durchsetzen könnte. Die Gitarre ist zwar noch vorhanden, wird aber nicht mehr klar wahrgenommen. Sie einfach lauter zu machen, löst das Problem meistens nicht – dadurch wird lediglich der gesamte Mix voller und unruhiger.

Ein bandtauglicher Gitarrensound kann allein zunächst kleiner oder sogar etwas unspektakulär wirken. Reduzierst du Bass und Höhen und gibst der Gitarre dafür mehr Mitten, bekommt sie im Zusammenspiel einen eigenen Platz. Das Riff oder die Melodie bleibt verständlich, ohne Bass, Schlagzeug oder andere Instrumente zu überdecken. Dabei müssen die Mitten nicht maximal aufgedreht werden. Entscheidend ist, den 3-Band-EQ nicht nur mit der Gitarre allein, sondern immer auch im vollständigen Mix zu beurteilen.

In den folgenden Hörbeispielen läuft dieselbe Gitarrenspur durch zwei unterschiedliche EQ-Einstellungen. Amp, Cabinet, Effekte und Lautstärke bleiben vergleichbar. Zuerst hörst du beide Sounds einzeln, anschließend im vollständigen Bandmix. Achte weniger darauf, welcher Sound allein größer wirkt. Entscheidend ist, welche Gitarrenspur zusammen mit Bass und Schlagzeug klar erkennbar bleibt.

Der beste Gitarrensound ist nicht der Sound, der allein am meisten beeindruckt. Es ist der Sound, der im Song seine Aufgabe erfüllt.

Hörbeispiele

Mid-Scoop – Gitarre allein

Mittenbetonter Sound – Gitarre allein

Mid-Scoop – im Bandmix

Mittenbetonter Sound – im Bandmix

Fazit: Drei Regler, aber kein genormtes System

Bass, Middle und Treble formen den Gitarrensound in breiten und überlappenden Bereichen. Die Regler arbeiten häufig interaktiv und ihre Mittelstellung ist nicht automatisch neutral.

Welche Frequenzen besonders stark beeinflusst werden, hängt vom konkreten Verstärker, Kanal und Schaltungsaufbau ab. Deshalb führt dieselbe Einstellung bei Marshall, Fender, Vox, ENGL, Mesa/Boogie, Peavey oder Orange nicht zum gleichen Ergebnis.

Nutze die Regler deshalb nicht nach festen Rezepten. Beginne mit einer übersichtlichen Grundeinstellung, verändere jeweils nur einen Bereich und höre darauf, welche Aufgabe der Sound im musikalischen Zusammenhang erfüllen soll.

Zum Abschluss noch ein paar Merksätze:

• Bass gibt Fülle, aber zu viel Bass kann im Mix matschig wirken.

• Mitten sorgen für Durchsetzungskraft.

• Höhen bringen Brillanz, können aber schnell harsch werden.

• Beurteile deinen Sound immer im Bandkontext.

Viel Spaß beim Herumprobieren und deinen perfekten Mix finden.

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